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by : MY
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  • Titel: Die Chancengesellschaft. Mut zum Aufstieg in Deutschland
  • Autor: Nahrendorf, Rainer
  • Verlag: adatia Verlag, Sankt Augustin
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3940461094
  • Seitenzahl: 256
  • Erscheinungsjahr: 2010
  • Rezensent: Dr. Dr. Rainer Zitelmann

Es vergeht kein Tag, an dem „Experten“ nicht in den Medien mit bitterer Miene beklagen, ein sozialer Aufstieg in Deutschland sei heute kaum noch möglich. Soziale Strukturen seien verfestigt, Kinder aus „bildungsfernen“ Schichten oder „Migrantenkinder“ hätten sowieso keine Chance, Frauen auch nicht und so weiter….

Jeder zweite Deutsche, so belegen Umfragen, glaubt nicht mehr daran, dass Erfolg vor allem aus harter Arbeit resultiere. Jeder Vierte meint, Erfolg sei einfach die Folge von „richtigen Beziehungen“ oder von Glück. Die Soziologie scheint den allgemeinen Eindruck zu bestätigen. Der Soziologe Michael Hartmann hatte bereits 2002 ein Buch über den „Mythos von den Leistungseliten“ veröffentlicht, in dem die These vertreten wird, dass nicht die Leistung, sondern die Herkunft aus dem (Groß-)Bürgertum entscheidend für den sozialen Aufstieg sei. Wichtig seien vor allem der milieubedingte Habitus, also die Dress- und Benimmcodes und das bildungsbürgerliche Wissen. Wem es daran mangle, habe wenige Chancen, sozial aufzusteigen.

Nahrendorf bestreitet nicht, dass es Defizite gibt, aber er zeichnet ein differenziertes Bild. „Die ‚Absteigerrepublik‘ ist ein Zerrbild, das die von Millionen Menschen wahrgenommenen Aufstiegschancen ausblendet, die ‚Aufsteigerrepublik‘ ist ein Wunschbild, das das Schrumpfen der Mittelschicht und die Abstiege in die Hartz IV-Grundsicherung ignoriert.“ (S. 23)

Die pauschale Klage über fehlende Aufstiegschancen, so Nahrendorfs These, könne zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Wer von vornherein glaubt, dass Aufstieg nicht möglich ist, der wird vielleicht ebenso Recht behalten wie derjenige, der das Gegenteil glaubt. Die Medien trügen ihren Teil dazu bei, weil sie naturgemäß seltener gute als schlechte Nachrichten veröffentlichen.

Der Autor zeigt in Portraitreportagen, wie es Menschen doch schaffen, aufzusteigen. „Vielleicht denken manche Leser nach der Lektüre dieses Buches, dass die portraitierten Aufsteigerinnen und Aufsteiger Ausnahmen von der Regel einer ‚geschlossenen Gesellschaft‘ sind. Dann jedoch ist die Frage umso spannender, was Menschen befähigt, Türen aufzustoßen und aufzusteigen.“ (S. 12)

Zudem: Es gibt auch Studien, die belegen, dass es mit den Aufstiegschancen nicht so schlecht bestellt ist, wie es in der öffentlichen Wahrnehmung scheint. Eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kam 2009 zu dem Ergebnis, dass die Aufstiegschancen der Deutschen besser sind, als viele glauben. „Die Einkommensmobilität bewegt sich in Deutschland im internationalen Rahmen. Die Aufstiegschancen, gemessen am Einkommen, sind nicht einmal in den USA wesentlich höher. Sowohl in Deutschland als auch in den USA schaffen jeweils rund ein Drittel der Menschen aus der untersten Einkommensschicht den sozialen Aufstieg.“ (S. 20)

Das Buch enthält 13 Portraits, so u.a. über den ehemaligen BDI-Präsidenten Hans-Olaf Henkel, die heutige Arbeitsministerin Andrea Nahles, über den Unternehmensgründer Ibrahim Evsan (der Vater war Hausmeister), über den Nationalspieler Marko Marin oder den Bayer-Vorstand Werner Wenning. Nicht alle davon sind als Beispiele für einen besonderen sozialen Aufstieg zu werten – wie der Autor etwa im Fall von Henkel einräumt. Aber die Beispiele zeigen doch, was möglich ist, wenn man ehrgeizig ist und sich beispielsweise nicht scheut, die Mühen des 2. Bildungsweges zu gehen.

Nahrendorf zitiert den Landauer Psychologen Prof. Günter F. Müller, für den die Fähigkeit zur „Selbstführung“ ein wesentlicher Erfolgsgarant ist. „Selbstführung ist ein Prozess, der unbewusst, intuitiv oder reflektiert ablaufen kann. Menschen, die sich selbst führen, richten ihr Leben an eigenen Visionen, Präferenzen und Perspektiven aus. Die Kraft innerer Bilder, Gedanken und Motive hilft ihnen, Energien zu bündeln, Widerstände zu überwinden und Leistungen zu steigern.“ (S. 212) Oliver Kahn beispielsweise sei der „Prototyp“ eines solchen Menschen, der sich selbst führt. Über viele Seiten zitiert Nahrendorf ausführlich aus dessen Buch „Ich. Erfolg kommt von innen“, das auch ich mit Begeisterung gelesen habe.

Das Buch enthält auch ein Interview mit dem Psychologen Prof. Dr. Julius Kuhl über die Motivation von erfolgreichen Menschen. Interessant: In Deutschland gilt es als unschicklich, „Macht“ als Motiv anzuführen. Kuhl spricht von einem „Schattenmotiv“: „Es gibt eine Diskrepanz zwischen einem sehr hohen unbewussten Machtmotiv und einem in Fragebogen selten zugegebenen Machtmotiv. Es wird vorgetäuscht, das Machtmotiv spiele nur eine geringe Rolle.“ (S. 217 f.). Ich möchte hinzufügen: Gleiches gilt für das Geldmotiv, also für den Wunsch, reich zu werden. Auch das könnte man als „Schattenmotiv“ bezeichnen.

Ein lesenswertes Buch, dem ich eine erweiterte Auflage wünsche. Mir fallen da noch eine Menge Leute ein, die man portraitieren könnte, z.B. Harald Christ, den Unternehmer, Multimillionär und SPD-Mann, der ursprünglich aus einer Arbeiterfamilie kam. Sein Beispiel zeigt, wie viele andere auch, dass Nahrendorf Recht hat: Aufstieg ist sicher nicht leicht, und naturgemäß hat es jemand, der aus einer Arbeiterfamilie kommt, oft schwerer. Aber es gibt Bereiche in unserer Gesellschaft – nicht nur den Sport -, wo die Herkunft keine große Rolle spielt, insbesondere im Vertrieb. Jeder kennt im eigenen Bekanntenkreis solche Menschen: Mein Friseur in Berlin, ein Türke, begann in Kreuzberg im Hinterhof mit einem kleinen Friseurgeschäft und heute gehören ihm 15 Salons, u.a. in der Nähe vom Kudamm, wo der einfache Männer-Haarschnitt 40 Euro kostet.

Für mich völlig unverständlich ist, dass der Autor berichtet, manche Wunsch-Interviewpartner hätten sich ihm verweigert, weil sie nicht wollten, dass die Menschen erfahren, dass sie ursprünglich aus einfachen Verhältnissen kamen. Schade. Man sollte eigentlich stolz darauf sein, es dennoch geschafft zu haben. R.Z.



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