Die Gruppe der Top-Vorstände und Geschäftsführer von sehr großen Unternehmen ist naturgemäß schwer zugänglich. Deshalb stellt es eine besondere Leistung dar, dass es dem Verfasser (Professor an der Universität Hohenheim) gelungen ist, nach 450 Anfragen 61 ausführliche Interviews mit den Top-Managern zu führen. Und zwar nicht, wie manchmal üblich bei solchen Befragungen, mit Leuten aus der zweiten oder gar aus der dritten Reihe, sondern mit DAX-Vorständen sowie mit Vertretern aus der Gruppe der 100 größten deutschen Familienunternehmen (S. 7).
Hier einige der vielen sehr interessanten Ergebnisse:
- Herkunft: 20% der Väter der Personen waren leitende Angestellte, 18% Unternehmer, 13% Freiberufler. Von den Großvätern waren 18% Unternehmer, 16% Landwirte, 12% kamen aus dem höheren Beamtentum (S. 16 – 19).
- 47% bezeichnen die materiellen Verhältnisse in ihrem Elternhaus als „bescheiden“, 16% als ärmlich, 28% als bürgerlich, 9% als wohlhabend (S. 53).
- 28% haben BWL oder VWL studiert, 18% Ingenieurwissenschaften, 16% Jura, 13% Naturwissenschaften, 18% haben nicht studiert (S. 34).
- 38% sind promoviert (bei den jüngeren Topmanagern ist es mehr als die Hälfte), 34% haben einen einfachen Studienabschluss (S. 37).
Das Buch enthält eine Fülle weiterer, hoch interessanter Auswertungen der Interviews. Bei den Fragen zu Wertvorstellungen, Erfolgsfaktoren usw. habe ich jedoch den Eindruck, dass viele Manager so geantwortet haben, wie man es heute dem Zeitgeist gemäß erwartet. Man spricht hierbei von „sozial erwünschten“ Antworten. Der Verfasser sieht das anders: „In welchem Maß die Manager sozial erwünscht geantwortet haben, lässt sich nicht feststellen. Jedenfalls gab es für solche Tendenzen keine Anhaltspunkte.“ (S. 10)
Ich bin da ein wenig skeptischer: Auf einer Skala von 18 Werten, die den Managern vorgelegt wurden, standen Ehrlichkeit, Dinge bewegen, Phantasie und Kreativität, Unabhängigkeit und Sachkompetenz an der Spitze – Macht dagegen rangierte an allerletzter Stelle (S.116). Der Autor meint, „Macht“ spiele für das Selbstverständnis heute keine entscheidende Rolle mehr, viel wichtiger seien „kooperative, auf Gemeinsinn und Dienst an der Gemeinschaft orientierte Werte“ wie etwa, man müsse „Zeit haben für die Leute, sonst wird man kalt“. Ist das wirklich so? Wird man DAX-Vorstand, wenn man keine Beziehung zur Macht hat?
Als Quellen für den eigenen Erfolg wurden von 34 Prozent der Top-Manager Werte wie „Bereitschaft zur Teamarbeit“ genannt, während nur 7 Prozent „Ehrgeiz“ einräumten (S.129) – auch das vielleicht ein Hinweis auf „sozial erwünschte“ Antworten. Im auffälligen Kontrast dazu steht nämlich, dass auf die Frage, was man am Führungsnachwuchs am meisten schätze, von den Vorständen „Ehrgeiz“ zusammen mit Einsatzbereitschaft mit sehr großem Abstand an erster Stelle genannt wurde (S. 196). Also: Selbst ist man nicht so ehrgeizig, aber der Nachwuchs soll es sein?!
Etwas befremdlich mutet auch an, dass nur etwa ein Drittel der Befragten der Meinung ist, sie gehörten zur Elite in Deutschland (S. 236). Wenn die Top-Manager von DAX-Unternehmen und der größten deutschen Familienunternehmen nicht zur Elite gehören – wer denn dann?
Die Befragung, die schon vor der Finanzkrise gemacht wurde, zeigt, dass schon damals die Mehrheit (58%) der Top-Manager der Meinung waren, in Deutschland herrsche ein negatives Bild über die deutschen Manager (S. 232).
In einem Punkt folgen die Manager dennoch nicht dem modischen Zeitgeist. Auf die Frage, welche Grundsätze sie dem Führungsnachwuchs als Mentor empfehlen würden, nennen nur 4% (an allerletzter Stelle) die „Suche nach Work-Life-Balance“ (S. 194).
Ein hoch interessantes Buch mit einer Fülle interessanter Fakten. Ich hoffe, Eugen Buß wiederholt seine Befragung noch einmal – die Ergebnisse wären sicherlich wieder von allerhöchstem Interesse. R.Z.






